Bericht über die Winterschule 2014 des deutsch-französischen Verbundprojekts "Saisir l´Europe - Europa als Herausforderung"

Working paper

18.-21. Februar 2014 an der Goethe-Universität Frankfurt am Main

Seit Oktober 2012 besteht das Netzwerk "Saisir l´Euro­pe - Europa als Heraus­forde­rung", das sieben führende Wissenschafts­ein­rich­tung­en in Frank­reich und Deutschland verbindet: Centre Marc Bloch Berlin, CIERA Paris, Deutsches Historisches Institut Paris, Fondation Maison des sciences de l’homme, Goethe-Universität Frankfurt, Humboldt-Universität Berlin und Institut français d’histoire en Allemagne in Frankfurt (www.europa-als-herausforderung.eu). Geleitet wird der Verbund von einem deutsch-französischen Leitungsgremium, dessen Vorsitz zwei Sprecher, Prof. Dr. Gabriele Metzler (HU Berlin) und Prof. Dr. Michael Werner (EHESS Paris), innehaben. Gemeinsam mit zahl­rei­chen weiteren Partnern hat das Verbundprojekt das Ziel, das politisch-ge­sell­schaft­liche Modell Europa, das gegenwärtig in öffentlichen Debatten vielfach grund­sätzlich in Frage gestellt wird, aus der Perspektive der Sozial­wis­sen­schaften neu und anders zu denken. Dazu gehört in einem ersten Schritt eine Reflexion über Kategorien und Methoden in zentralen Feldern der Europaforschung, aber auch das Verständnis der gegen­wärtigen Situation aus der „langen Dauer“, aus ihrer histo­rischen Gewordenheit heraus. Dies soll ins­besondere in drei For­schungs­feldern ge­schehen, denen im Rahmen des Netzwerks je­weils eine eigene deutsch-fran­zö­sische Projekt­gruppe gewidmet ist: Geforscht wird erstens über ein für das Projekt Europa zentrales So­zialstaats­modell, das nicht erst durch die aktuelle Schuldenkrise vor große Heraus­for­derungen gestellt wird, son­dern welches seit seiner Entstehung in einer drängenden sozialen Krise des späten 19. Jahr­hun­derts auf soziale und politische Problemlagen reagieren muss; zweitens zu Konzepten und Politiken der Nach­haltig­keit, die in Europa als hohes gemeinsames Ziel angesehen wird und doch in der Praxis zu Span­nung­en zwischen der EU und ganz unterschiedlichen Akteursgruppen führt; und drittens zur Gewalt in städtischen Räumen, die fort­existiert und in Folge der finan­ziellen Krise an Intensität ge­win­nt – als Heraus­for­derung an das Ver­sprechen von Frie­den und Sicher­heit, welches das Projekt Europa, allen Realitäten von staatlicher und nicht-staatlicher Gewalt zum Trotz, seit dem Mittelalter getragen hat. In allen drei Feldern ist es entscheidend, die historische Tiefe der betrachteten Probleme in Rech­nung zu stellen. Denn nicht erst in unserer unmittelbaren Gegenwart, sondern seit vielen Jahrhunderten scheint sich das Projekt Europa in einem dynamischen Verhältnis zu Krisen und Krisenwahrnehmungen entwickelt zu haben. Das Verbundprojekt wird gemein­schaft­lich vom Bundes­ministe­rium für Bil­dung und Forschung und seinem fran­zösischen Pendant, dem Ministère de l´Éduca­tion nationale, de l´Enseignement supé­rieur et de la Recherche gefördert.

Das Jahrestreffen des Verbunds, in diesem Jahr in Form einer „Winterschule“ ab­ge­halten, stellt einen Fix- und Höhepunkt im Projektkalender von "Saisir l´Europe – Euro­pa als Herausforderung" dar. In diesem Jahr galt es, den Be­tei­ligten des Verbunds Ge­le­genheit zum Austausch über die epistemologischen Grundlagen ihrer Projekte zu geben; der Titel der Veranstaltung lautete: "Europa be­greifen: Methoden und Konzepte in der interdisziplinären Netz­werk­arbeit". In die­sem Rahmen sind vom 18.-21. Fe­bruar 2014 fünfzig Wissenschaftler(innen) und Dok­toran­d(inn)en als Gäste der Goethe-Uni­ver­sität und des Institut français d´histoire en Al­le­magne nach Frankfurt gereist, um dort ge­meinsam – auf Deutsch, Französisch und Englisch – in the­ma­ti­schen Workshops und Plenar­sitz­ungen zu arbeiten. Die Winter­schule wurde durch die Deutsch-Franzö­sische Hochschule gefördert.

In ihren Eröffnungsreden erläuterten Prof. Dr. Matthias Lutz-Bachmann, Vize­prä­sident der Goethe-Universität Frankfurt sowie Prof. Dr. Pierre Monnet (EHESS), Direktor des Institut français d´histoire en Allemagne, Konzept und Ablauf der Veranstaltung und sie dankten Dr. Anahita Grisoni, Dr. Rosa Sier­ra und ihren Mitarbeiterinnen für die inhaltliche Vorbereitung sowie Ursula Johannsen für die Organisation.

 

Schlüsselkonzepte politisch-gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Debatten über Europa

Ankerpunkte des viertägigen Programms waren drei Plenarsitzungen, in denen zentrale konzeptionelle und methodische Fragen des Verbundprojekts zur Diskussion gestellt wurden. Dr. Falk Bretschneider (Saisir/MSH-EHESS) und PD Dr. Da­niel Schön­pflug (Saisir/CMB) griffen zunächst den Titel des Verbund­projekts auf und reflektierten darüber, inwiefern Europa im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts eine Heraus­forderung für die Sozial­wis­sen­schaf­ten darstellt. Die bei­den Historiker betonten, dass es angesichts der aktuellen Krisen keineswegs nötig sei, die "Europawissenschaften" oder "Europäistik" neu zu erfinden. Gleichwohl bestätigten sie angesichts der aktuellen Er­schüt­terungen die Skepsis gegenüber den vielfach norma­tiven und politisch konnotierten Zugriffen auf den Gegenstand "Europa". In der Krise zeige sich besonders deutlich, dass teleo­lo­gische, alternativlose und essentialistische Vorstellungen von Europa angesichts von wachsender Euroskepsis, Re-Nationa­lisierung und der zunehmend agonalen Be­zieh­ung­en zwischen Europa und der Welt fragwürdig geworden sind. Stattdessen gälte es, als Basis jeden Forschens, Europakonzepte zu dekon­stru­ieren und – wie es Dipesh Chakrabarty vorgeschlagen hat – zu "provin­zia­lisieren"; d.h. Europa als ein zeitlich, räumlich und ideologisch verortetes Projekt zu analysieren und in den Weltrahmen einzuordnen. Das Nachdenken über Europa als eine Herausforderung anzunehmen heißt dabei auch, analytisch die eigene Stellung im wissenschaftlichen Feld einzubeziehen, die heute kaum noch allein national definiert werden kann. Es gilt die materiellen wie intellektuellen  Bedingungen eines Forschens über Europa in Europa präsent zu halten und als ein wichtiges Element des Forschungsprozesses selbst zu verstehen.

Dr. Heike Wieters (Saisir/HU) und Dr. Karim Fertikh (Saisir/Centre Georg Simmel) stellten das insbesondere in der Sozialstaatsforschung verbreitete Kon­zept der "Europäisierung" zur Diskussion. In der gängigen Forschung werde dies vor allem aus einer Makroperspektive heraus an­ge­wandt. Die Wissenschaft beschränke sich darauf, die Implementierung von EU-Po­litiken auf der nationalen Ebene nach­zu­voll­ziehen. Der Vortrag betonte die Grenzen eines solchen, auf dem Governance-Ansatz beruhenden Zugangs. Die Wirkungen europäischer Politiken auf der Ebene der Akteure und damit die Tiefen­dimension der gesellschaftlichen Folgen der Europäisierung könne ausschließlich durch die Hinzuziehung der Mikroebene erreicht werden. Nur so könne man ein allzu einseitiges Verständnis von Europäisierung als "Top-Down"-Prozess durch die Gegenbewegung des "Bottom-Up" er­gänzen.

In grundlegender Weise wurde auch das Thema der/s "Nachhaltig­keit/développement durable" diskutiert. Ein Vortrag von Dr. Rosa Sierra (Saisir/GU Frankfurt) ging auf die Rolle der EU für die politische Durchsetzung des Prinzips der Nach­haltig­keit ein. Ausgangspunkt des Vortrags war die These von Jürgen Habermas, dass Fra­gen der Umweltpolitik auf supranationaler Ebene behandelt werden müssen, da diese auf nationaler Ebene nicht mehr lösbar sind. In diesem Sinne setzt Habermas auf europäische Integration als Voraussetzung kollektiver Handlungsfähigkeit. Die Per­spek­tive einer europäischen Identität betrachtet er jedoch – ganz im Gegensatz zu Edmund Husserl – als irreführend. Ausgehend von diesen beiden Positionen wurde im Rahmen des Vortrags der Frage nachgegangen, inwiefern das Prinzip der Nachhaltigkeit als Ziel gemeinsamer politischer Debatten in der EU oder als Teil der geteilten normativen Ideale der europäischen Kultur größere Chancen auf Durchsetzung hätte. In seinem Kommentar dehnte Prof. Dr. Matthias Lutz-Bachmann (Saisir/GU Frankfurt) die Tragweite des Problems noch weiter aus, indem er europäische Verantwortung für die Nachhaltigkeit nicht nur in Europa, sondern auch in der Weltgemeinschaft der Staaten anmahnte.

Dr. Anahita Grisoni (Saisir/ENS Lyon) griff mit "Umwelt/environnement" und "Öko­lo­gie/ écologie" zwei wei­tere Großkonzepte politisch-gesellschaftlicher Debatten auf. Als problematisch stellte sie die allgemeine Auffassung dar, laut derer Umweltprobleme in Deutschland ernster genommen werden und effizienter an ihrer Lösung gearbeitet wird. Der Vortrag wies auf jüngere Forschungsergebnisse hin, die zeigen, dass zwischen Diskursen und praktischen Realisierungen in Deutschland eine große Lücke klafft und dass darüber hinaus ein systematischer Vergleich zwischen Diskursen und Praktiken in Frankreich und Deutschland durch eine unübersichtliche Menge von parallel verwandten Begriffen erschwert werde. In seinem Kommentar wies Prof. Dr. Pierre Monnet (Saisir/IFHA) auf die Chancen einer "histoire croisée" der behandelten Begriffe sowie auf die Notwendigkeit zu ihrer Historisierung hin. Eine Diskursgeschichte des Phänomens erlaube es, die vorherrschenden Meistererzählungen offenzulegen und dabei insbesondere die historischen Metamorphosen des Verhältnisses zwischen Natur und Kultur in den Blick zu nehmen.

Die Diskussion spezifischer Schlüsselkonzepte, die für das Problemfeld "Europa als Herausforderung" relevant sind, setzte sich in der Plenarsitzung des 20. Februar fort. Dr. Teresa Koloma Beck (Saisir/CMB) thematisierte das komplexe und paradoxe Verhältnis der europäischen Moderne zur Gewalt. Seit dem 18. Jahrhundert ist dieses von der Gleichzeitigkeit von fortschreitender Ächtung von Gewalt­han­deln im europäischen Denken einerseits und wiederkehrenden, technologisch perfek­tionierten Gewaltexzessen andererseits geprägt. Der Vortrag disku­tierte, wie die Sozial­wissenschaften, die Gewalt lange Zeit nicht zu einem Thema ihrer Forschung gemacht haben, in die Produktion dieses Paradox' verstrickt sind. Darüber hinaus zeigte Koloma Beck auf, welche Herausforderungen sich vor diesem Hintergrund für die ethische Positionierung von Forschungen zum Thema Gewalt stellen. Prof. Dr. Fabien Jobard (CESDIP Versailles) unterstrich die These von einer Verschleierung der Gewalt in modernen gesell­schaftlichen Dis­kursen und wies auf die praktischen und politischen Folgen für die Genese und Prävention von Gewalt hin.

 

Von den Konzepten zu den Methoden

In Plenarsitzungen und Workshops ging es schließlich um die Frage, wie Forschung zu den tragenden Schlüsselkonzepten in konkreten Vorhaben operationalisiert werden kann; hier wurde der Schritt von den Konzepten zu den Methoden vollzogen. In diesem Rahmen stellte der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Gabriel Colettis (LEREPS Toulouse) eine von ihm und seiner Kollegin Prof. Dr. Maryse Salles (LEREPS Toulouse) entwickelte Me­thode zur Dekonstruktion herrschender wirtschaft(s­wissenschaft)licher Dogmen dar. Letzteren wies er einen zentralen Stellenwert bei der Entstehung der Bankenkrise zu. Zu unterscheiden sei zwischen "Normen", den allgemeineren "Prinzipien" sowie den diesen zugrundeliegenden "Dogmen". Am Beispiel der politischen Konstruktion der Institution "Unternehmen" zeigte Colettis, wie sich dessen Wahrnehmung und Deutung unter der Vorherrschaft verschiedener Dogmen verändern kann.

Prof. Dr. Arnaud Lechevalier (Paris I), ebenfalls Wirtschaftswissenschaftler, ging auf die be­son­dere Bedeutung komparativer Methoden bei der Erforschung des europäischen Sozial­staates ein. Er diskutierte zunächst verschiedene Ansätze des Vergleichs. Zwischen dem nomothetischen Ansatz Durkheims und dem idiographischen Max Webers schlug er einen Mittelweg vor, um die Transformationen der Sozialstaaten in Frankreich und Deutschland seit ihrer Gründung zu analysieren. In seinem Vortrag wies Lechevalier insbesondere auf die Schwierigkeiten eines deutsch-französischen Vergleiches hin, der nicht nur von zugrunde liegenden politischen und ideologischen Interessen überlagert sei, sondern auch von terminologischen Schwierigkeiten und Grenzen der Übersetzbarkeit. Wie sind die jeweils spezifischen und historisch gewachsenen deutschen und fran­zö­sischen Begriffe mit den zumeist englischen Termini, welche im Sprachgebrauch der EU vorherrschen, in Einklang zu bringen? Dennoch betonte Lechevalier die Notwendigkeit vergleichender Studien, die insbesondere deshalb vielversprechend seien, weil Wan­del in den jeweiligen Ländern nicht zuletzt durch Interaktion zwischen ihnen ent­standen sei, was ausschließlich mit den Methoden einer "histoire croisée" offenzulegen sei.

Bei der Erforschung des Sozialstaats, aber auch vieler anderer Themen, hat sich in jüngerer Zeit in Frankreich eine Forschungsmethode etabliert, in die Dr. Ariane Jossin (Saisir/IRICE) und Hadrien Clouet (CSO) einführten: die Ethnographie staatlicher Institutionen. Diese Forschungsrichtung inspiriert sich beim Instrumentarium der Ethnologie und der Mikrosoziologie, welche sich hier mit einer Soziologie der Institutionen verbindet. Typischer Beobachtungs­gegen­stand ist der "Schalter" (etwa eines Arbeitsamtes oder einer Polizeistation), an dem Staat und Bürger konkret und individuell zusammenkommen. Hier manifestiert sich der Einfluss von Bürokratie und rechtlichen Normen in konkretem Ver­wal­tungshandeln und in Interaktion mit den Betroffenen. Die Arbeit mit dieser Methode impliziert eine Arbeit im Feld, d.h. eine Immersion in der Welt der Schalter. Der Kommentar von PD Dr. Ulrich Bielefeld (Hamburger Institut für Sozialforschung) wies daraufhin, dass die Konzentration auf eng beschränkte Kontexte – bei allen Erkenntnischancen – mit großen Problemen behaftet sei. Nur in einer systema­tischen Einbettung von Fallstudien in größere institutionelle und soziale Kontexte könne der Aussagewert von Einzelergebnissen sinnvoll ermessen werden.

In einem gesonderten Workshop wurde darüber hinaus die Relevanz von statistischen Methoden für die sozialwissenschaftliche Forschung herausgestellt. Im Mittelpunkt der Diskussion standen Texte von Alain Desrosières, Theresa Wobbe und Adam Tooze, die von den Organisator(inn)en des Workshops präsentiert wurden. Die darauf folgende allgemeine Diskussion drehte sich um die Historizität von statistischen Daten, Messmethoden und  den sie einsetzenden Institutionen. Zudem wurde eine sehr intensive Debatte um statistische Begriffe und Kategorien sowie ihre Entstehung und Verwendung im Rahmen statistischer Zusammenhänge in Europa und den Nationalstaaten geführt. Schließlich wurden die Thesen aus der allgemeinen Dis­kus­sion anhand von konkreten Quellenbeispielen aus dem Bereich der Sozial­sta­tistik vertieft.

Susanne Börner, Anaïs Volin und Eva Weiler reflektierten über die Möglichkeiten, über Disziplingrenzen hinweg zu kooperieren und diese zu transzendieren. Dies sei insbesondere bei einem Gegenstand wie der "Nachhaltigkeit" vonnöten, dessen disziplinäre Verortung unmöglich sei. Sie unterschieden zwischen verschiedenen Modi der Kooperation, zwischen Multi-, Inter- und Transdisziplinarität. In der Diskussion legte Prof. Dr. Michael Werner (Saisir/EHESS) den Akzent auf die Notwendigkeit einer trans­disziplinären Integration von Umweltkompetenzen in einer "Umweltwissenschaft".

Auf den gleichen Fragenkomplex verwies auch der Abendvortrag von Prof. Dr. Amos Nascimento (University Tacoma Washington). Auch hier wurde deutlich, wie sehr der Blick glei­cher­maßen über nationale wie disziplinäre Grenzen hinweg nötig ist, um Lösungen für die globalen Probleme der Umwelt näherzukommen. Nascimento plädierte dafür, dass die Geisteswissenschaften und insbesondere die Philosophie in dem hierfür nötigen In­tegrationsprozess zwischen den Disziplinen vorangehen sollen. Konkret regte er die Grün­dung einer neuen Disziplin, der "Environmental Humanities" an, die er allein in der Lage sieht, die Komplexität biologischer und technischer, politischer und ethischer Dimensionen in ihrem Zusammenhang zu betrachten und zu synthetisieren.

Im Rahmen zweier Workshops des Teilprojekts "Nachhaltigkeit" wurde das Span­nungs­verhältnis zwischen philosophischen Konzepten der Nachhaltigkeit auf der einen und dem ökonomischen und politischen Feld auf der anderen Seite diskutiert. Auf der kon­zep­tio­nellen Seite wurde zunächst das Verhältnis zwischen den Begriffen "Nachhaltigkeit" und "nachhaltiger Entwicklung" analysiert, die mehr trennt als nur der Unterschied zwischen einer Zustands- und einer Entwicklungsvokabel. Viel­mehr sind beide Begriffe Gegenstand umfassender normativer Aufladung geworden – im Positiven wie im Negativen; so wird der Begriff der "nachhaltigen Ent­wick­lung" einerseits als eine umfassende Form kollektiver Verantwortung verstanden, die auch zukünftige Generationen umfasst, dem Konzept wird aber andererseits unterstellt, ökonomische Interessen zu maskieren. Von grundlegender Bedeutung für die „Nachhaltigkeit“ ist ihre Verankerung zum einen in der Zeit, zum anderen im Raum, da sie sich stets auf räumlich begrenzte – lokale, regionale oder globale Phänomene – bezieht. Zu bestimmen ist zudem das Verhältnis von Nachhaltigkeit und Staatlichkeit, denn, auch wenn sich Nachhaltigkeit nicht allein im staatlichen Rahmen verwirklicht, so ist Regierungshandeln auf der nationalen und der internationalen Ebene ein Kernfaktor der nachhaltigen Entwicklung und der "environmental justice". Ebenso dringlich ist die Analyse der Verwendung der Begriffe im ökonomischen Bereich, was sich etwa im Begriff der "ökologischen Modernisierung" niederschlägt. Er beruht auf dem Glauben, dass ökologische Probleme durch technischen Fortschritt gelöst werden können.

Auch im Rahmen des Teilprojekts "Urbane Gewalträume" wurde innerhalb von zwei Workshops intensiv über Methodenfragen diskutiert. Ziel der Diskussionen war es insbesondere, die verschiedenen me­tho­dischen Angebote aus Politikwissenschaft, Soziologie, Ethnologie und Ge­schichts­wis­senschaft vergleichend zu betrachten und ihre Anwendbarkeit zu prüfen. In einer Diskussion mit Prof. Dr. Gerd Schwerhoff (TU Dresden) wurde mit dem Aufsatz „Rites of Violence“ von Nathalie Zemon Davis zunächst ein Schlüsseltext der geschichtswissenschaftlichen Forschung zur Gewalt diskutiert. PD Dr. Ulrich Bielefeld (Hamburger Institut für Sozialforschung) stand für eine Diskussion gleichermaßen historiographischer wie soziologischer, politologischer und ethnologischer Auseinandersetzung mit der Gewalt zur Verfügung. Diskutiert wurden, neben dem Konzept des "Gewaltraums" (Baberowski/Felix Schnell), das Kon­zept der "Gewaltordnungen" (Koloma Beck/Schlichte) und "Gewalt­ge­mein­schaften" (Speitkamp) sowie der "Gewaltmärkte" (Elwert). Diese ver­wandten, jedoch keineswegs deckungsgleichen Konzepte, beruhen auf einem phä­nomenologischen Zugang zur Gewalt, wie ihn zuerst Wolfgang Sofsky und später Trutz von Trotha für die For­schung vorgeschlagen haben. Allen Zugängen ist gemeinsam, dass sie sich weniger für Ursachen und Folgen von Gewalt, als vielmehr für die Gewaltpraxen selber inter­essieren und diese als Form der sozialen Interaktion lesen. Entsprechend gehen auch alle genannten Konzepte davon aus, dass Gewalt nicht ausschließlich "ex negativo" de­finiert werden darf, d.h. als Abwesenheit von Zivilisation, Zentralgewalt oder Ordnung. Vielmehr müsse die Gewalt als gesellschaftlicher Zustand sui generis verstanden werden, d.h. als spezifische Form von sozialem Raum, als besondere Form von Ordnung, als Variante der Ver­ge­meinschaftung und der Repräsentation von Ge­mein­schaften bzw. als bisher nicht untersuchte Form wirtschaftlichen Handelns.

Die Winterschule, die darüber hinaus den ca. zwanzig Doktoranden der drei Arbeits­gruppen die Möglichkeit bot, ihre Forschungsprojekte zu präsentieren und mit den anwesenden Fachleuten zu diskutieren, kann als ein überaus gelungener Start in die Kernphase der Projektarbeit angesehen werden. Impulse, die von diesem Treffen an der Goethe-Universität Frankfurt ausgingen, werden die Arbeit der drei Teilprojekte in der Zukunft grundlegend prägen. Die Frage, so scheint es, ist nicht, ob die aktuellen Trans­formationen Europas auch für die Sozialwissenschaften Konsequenzen haben, sondern welche. Eine erste Antwort hat die Winterschule gegeben: Es ist zunächst die Anstrengung der Reflexivität nötig, um die wissenschaftlichen Schlüsselkonzepte, die vielfach Teil von europäischen Meistererzählungen sind, neu zu denken. Nur so kann die empirische Forschung auf neue Grundlagen gestellt werden. Zu lange hat es sich die Wissenschaft in den Gewissheiten eines unaufhaltsam scheinenden poli­tischen Zukunfts­projekts bequem gemacht. Das nächste Jahrestreffen des Netzwerks wird als Sommerschule im September 2015 in Moulin d´Andé (Normandie/Frankreich) stattfinden.

Daniel Schönpflug (Centre Marc Bloch, Berlin)

Permanente URL: http://www.europa-als-herausforderung.eu/node/5107

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